Rassismus

Rassismus – Die zwei Seiten

Zurzeit ist das Thema Rassismus wegen dem Anschlag auf die Karikaturisten in Paris, Pegida und dem Flugzeugabsturz wieder voll im Fokus der Medien und ich möchte dazu gerne meine drei Phasen von Rassismus erläutern.

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Schon als kleines Kind lernte ich, dass Rassismus schlecht ist. Alle Menschen verdienen die gleichen Rechte und keine ethnische Gruppe ist besser oder schlechter als die Andere. Ein Funken Rassismus ist meiner Meinung nach angeboren, die rationale Angst vor dem Unbekannten macht evolutionär gesehen wohl Sinn. Da ich im Alter von vier bis fünf in San Diego gewohnt habe, war diese Angst jedoch schnell verflogen und ich spielte mit meinen chinesischen, schwarzen und amerikanischen Freunden in unserer Vorortsiedlung und verstand nicht wie Rassismus funktioniert.

Einige Jahre später, in einem bayerischen, mittelgroßen Vorort, nahm ich zusammen mit einem Freund einen Job als Zeitungsträger für das dortige Werbeblatt an. Ich war um die 12 Jahre alt. Unsere Route führte durch ein kleines Viertel mit 8-stöckigen, unansehnlichen Betonplatten-Bauten, die hauptsächlich von Türken bewohnt wurden. Es gab kaum eine Woche in der ich keinen Zwischenfall mit den türkischen Jugendlichen in dieser Gegend hatte. Ich wurde, beschimpft, geschubst, bespuckt und einmal sogar von einem ca. 8-jährigen mit einem Messer bedroht. Jede Woche erwartete mich eine Welle aus Wut und Hass. Ähnlich verhielt sich das auch an unserem Bahnhof, welcher, wie so oft, zu einem beliebten Treffpunkt für eine Gruppe türkischer Jugendlicher geworden war. Dort dieselbe Leier, meist schwachsinnige Beschimpfungen. Es waren fast immer die Türken in unserem Ort mit denen ich Probleme hatte. Mein Gehirn begann also das Erlebte, meine Erfahrungen mit Türken, zu generalisieren und schon hatten sich Vorurteile gebildet. Ich wurde zu einem Rassisten. Schon damals verstand ich, dass natürlich nicht alle Türken so sein können, wie die Wenigen, mit denen ich bis dahin Erfahrungen gemacht habe. Hätte ich schon wählen dürfen, hätte ich mich trotzdem nicht für eine ausländerfeindliche Partei entschieden, weil mir das unfair gegenüber den Türken erschien, die nicht so waren, wie jene die ich kennengelernt habe. Im Alltag und der Schule war ich jedoch von meinen Vorurteilen bestimmt.

Nach der Zeit als Zeitungsjunge, verflogen die Vorurteile immer mehr. Am Bahnhof gab es auch immer weniger Zwischenfälle, was wohl auch daran lag, dass ich deutlich gewachsen war. Ich begann mehr und mehr zu verstehen, was mein Vorurteilsdenken anrichten kann und dass ich keine komplette ethnische Gruppe, sondern 20 Idioten kennengelernt hatte. Anti-Rassismus war außerdem voll im Trend. Es wurde mehrfach in der Schule thematisiert, es gab Fernsehkampagnen, Zeitungsartikel, Plakate und vieles mehr. Rassisten waren böse und wurden nicht toleriert. Leute die gegen Rassismus waren bekamen als Belohnung ein Gefühl von moralischer Überlegenheit gegenüber den bösen Rassisten. Also wandelte sich meine Meinung zu „Ich bin allem tolerant gegenüber, außer gegenüber Rassisten“. Was ich erst spät erkannte, war, dass ich vor Allem die moralische Überlegenheit haben wollte, womit wir zu Phase Drei kommen.

Zu sagen, alle Rassisten sind schlechte Menschen, ist genauso generalisierend wie die Vorurteile der Rassisten. Eigentlich hätte ich, der beide Seiten erlebt hat, das schneller sehen müssen. Die Welt ist auch beim Thema Rassismus leider nicht Schwarz und Weiß, sondern wesentlich komplexer. Zuerst einmal ist der Grund, weshalb die Türken in unserem Ort nicht sehr nett zu mir waren, nicht auf ihre Abstammung zurückzuführen. Sie wurden fast gezwungen in diesem Viertel zu leben und bekamen von Seiten der Bayern auch nicht gerade ein Willkommensfest geboten. Aber darauf will ich gar nicht weiter eingehen. Ich habe verstanden, dass er Gründe gibt, die Leute zu Rassisten macht und sie dadurch nicht gleich zu schlechten Menschen werden. 33% der Bayern stimmen der folgenden Aussage zu: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“. Jetzt kann man doch nicht behaupten, jeder Dritte Bayer ist ein schlechter Mensch! Generalisierungen. Klischees.

Die moralische Überlegenheit eines Anti-Rassisten hilft der Situation kein Stück. Damit schließt man eine Person mit Vorurteilen direkt aus einer Diskussion aus und stempelt sie als schlecht ab. Man muss beide Seiten verstehen und sich die Gründe ansehen, warum Leute diese Vorurteile entwickeln. Tut man das, stößt man auf so unglaublich viele Probleme, die momentan eigentlich unlösbar sind. Aber was dann tun? Was ist die Lösung? Die eine große Lösung ist warten. Das Problem wird sich von selbst ausmerzen, wenn wir einige Generationen weiter sind und sich die zwei verfeindeten Parteien vermischt haben ;). Die nächste Generation Deutsch-Türken in meinem kleinen bayerischen Dorf werden viel mehr dazugehören. Ihre Kinder werden miteinander spielen und der Rassismus wird in diesem Vorort verfliegen. Außerdem, einen halb Deutschen, viertel Pole, viertel Türke kann man wesentlich schlechter in eine Schublade stecken.

Bis dahin, benutzt euren Kopf. Schwarz-Weiß-Denken ist einfach, aber leider nie korrekt. Falls ihr Rassisten seid, überlegt wie ihr dazu geworden seid. Können eure Ansichten wirklich stimmen? Falls ihr alle Rassisten für böse haltet, überlegt ob ihr es euch nicht zu einfach macht. Versucht zu verstehen, wie man zu einem Rassisten wird. Nur so könnt ihr eventuell etwas ändern.

Also, seid tolerant, auch gegenüber Rassisten.

*schlürft Kaffee mit Milch*